Katzenjammer

Es war eine sternenklare Nacht.
Der Wind fegte eisig durch die Gassen.
Als Hubert, der Gute, war erwacht
von Schreien, Wehklagen, gottverlassen.
Er eilte ans Fenster und sah im Schnee,
ein Kätzchen, es jammerte fürchterlich.
Da dacht’ er: „Das Arme! Herrjemine!
Schuld hat ein andrer, nicht ich.“

Er brachte der Scheuen Milch und Fisch.
Sie holte es heimlich, als Hubert schlief.
Bald kam sie regelmäßig zu Tisch
und eilte herbei, wenn Hubert rief.
Doch manches Mal blieb die Milch unberührt.
Da grämte sich Hubert ärgerlich.
„Wird schon sehen, wohin der Hunger führt.
Schuld ist sie selber, nicht ich.“

Es kam der Tag, da war sie fort
für mehr als nur ein, zwei Nächte.
„Sie frisst wohl an einem andren Ort.
Ach wenn sie nur einer wieder brächte.
So lange war sie noch nie vermisst.
Ich hoffe nur sehr, ich täusche mich.
Nicht dass da jemand mit Hinterlist …?
Schuld ist ein andrer, nicht ich.“

Und als das lieb Kätzchen verschwunden blieb,
wusst’ Hubert genau, was geschehen war:
Die Nachbarin nahm, weil Neid sie trieb,
das Findelkind in ihr Haus in Verwahr.
Den Stock in der Hand und rot vor Wut,
so schritt er zur Tat, aufrichterlich.
„Und wenn heute fließt ihr Hexenblut,
Schuld ist sie selber, nicht ich.“

Er stürmte das Heim der alten Frau.
Laut schrie er und schimpfte und schwenkte den Knüppel,
durchforstete jeden Winkel genau.
Die Katze war nirgends. „Ich schlag’ sie zum Krüppel!“
Er ging auf sie los, er bebte vor Zorn.
Rutscht’ aus, fiel. „Meisterlich!
Ein Beinbruch!“ Bald tönte das Martinshorn.
„Schuld ist sie! Nicht ich!“

Ein viertel Jahr später war’s vorbei,
als hätte es niemals stattgefunden:
kein Kätzchen, kein Beinbruch, kein Geschrei.
Der Frühling heilt sanft wie Zeit die Wunden.
Doch hinter der Tür, im eignen Kot,
er fand sie und weinte bitterlich,
da lag auf dem Speicher die Katze. Tot.
„Schuld ist nur einer: Ich!“

 



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