Rivalen

Fred Lieblich packte seine Gitarre liebevoll in den mit Samt ausgelegten Koffer. Heute würde er sie nicht brauchen. Nur die Noten und Textseiten würde er zum ersten Meeting des Musikwettbewerbes mitnehmen. Er war mit seinem ausgewählten Song nicht ganz zufrieden. Auch wenn die Jungs seiner Band Hap Grin nichts auszusetzen hatten, wusste er doch, dass dem Titel das bewusste I-Tüpfelchen fehlte, um bei einem bayernweiten Vergleich echte Chancen zu haben. Ihm fehlte das wirkliche Talent, das man als Siegertyp in der Branche brauchte. Er sah zwar gut aus, hatte eine bestechende Präsenz als Frontmann, und die Kamera liebte ihn, aber dass das genügte, um als Gewinner mit Joff Bonie auf Tour zu gehen, konnte er insgeheim selbst nicht glauben. Heute Nacht wollte er noch an den Akkordfolgen arbeiten, denn er hielt fest an dem Glauben, dass auch ihm ein Geniestreich - ein Hit - gelingen könnte.
Geräuschvoll wanderte ein Lutscher von einem Mundwinkel zum anderen. Fred schloss den Gitarrenkoffer. Die bekritzelten Arbeitsblätter faltete er zweimal zusammen und steckte sie in die Tasche seiner Jeans.
Die Lederjacke lässig über die Schulter geworfen, machte er sich auf den Weg. Es schien ihm, als würde es heute Abend kalt werden. Zu kalt für Anfang September.

*****

Als Fred die altertümliche Gastwirtschaft Das Schlenkerla betrat, blieb er eine Weile am Eingang stehen, um sich umzusehen. Es waren bereits eine Menge Musiker anwesend. Einige davon kannte er, und er winkte einer lächelnden Blondine am anderen Ende der Kneipe zu. Gleich darauf sah er die Hap Grins mit ihren Händen in der Luft wedeln, und steuerte zielstrebig auf deren Tisch zu. Wie gut, dass er sich auf sie verlassen konnte. In wenigen Augenblicken sollte das Meeting beginnen. Er war wie immer der Letzte und hätte ohne sie keinen Platz gefunden.
Den zerkauten Lutscherstiel legte er in den Aschenbecher, klopfte zur Begrüßung einmal auf den massiven Holztisch und setzte sich. Er blickte in die Runde seiner Bandmitglieder. Sie schienen nervös zu sein, denn ihr Lachen war eine Spur zu laut. Freds Knie wippte.
Gerade als der Veranstalter Erich Kantermeyer um Aufmerksamkeit bat und alle Teilnehmer des Musikwettbewerbs begrüßte, stellte die Bedienung Fred ein frisches Pils vor die Nase. Sie war hier Stammbedienung und wusste scheinbar, dass er einer der wenigen Besucher im Schlenkerla war, dem das berühmte Rauchbier der Brauereigaststätte nicht schmeckte. Er schenkte ihr ein anerkennendes Zwinkern und seine Hand strich ihr beim Vorübergehen über die wohlgeformten Pobacken. Während er seine Aufmerksamkeit wieder dem Redner zuwandte, schob er sich genüsslich einen Kaugummi in den Mund.

Herr Kantermeyer erklärte die Regeln und Bedingungen des Wettbewerbes, und ließ als abschließenden Höhepunkt seines Vortrags Joff Bonie persönlich zu Wort kommen, indem er einen Videoausschnitt auf die Leinwand projizierte. In Übergröße wünschte der international bekannte Sänger allen Teilnehmern viel Erfolg. Er freue sich auf die gemeinsamen Konzerte mit dem Sieger der Ausscheidung.
Tosender Applaus folgte. Für jeden anwesenden Musiker wäre dieses Engagement als Vorgruppe von Joff Bonie ein viel versprechendes Sprungbrett ins Musikbusiness. Freds Finger trommelten auf die Tischplatte.

Die nächsten zwei Stunden vergingen damit, dass Formulare ausgefüllt und Unterschriften geleistet wurden. Ein Kamerateam ging von Tisch zu Tisch und richtete seinen blendenden Scheinwerfer auf die verschiedenen Bands und Sänger. Interviews wurden gegeben und Botschaften und Grüße aufgezeichnet. Bald legten auch die Letzten ihre Pullover ab. Es wurde getupft und gepudert. Schweißiger Glanz war unvorteilhaft.
Fred nutzte die Gelegenheit, um seine Jungs darauf vorzubereiten, dass er noch eine weitere Änderung ihres Liedes plante. Er erzählte, er sei nicht ganz einverstanden mit der Abfolge der Akkorde. Seiner Meinung nach fehle ein abwechslungsreicher und interessanter Mittelteil. Er sei guter Dinge, dass ein solcher ihm noch rechtzeitig einfiele.
Dabei wanderte sein Blick durch den Saal. Der Scheinwerfer war auf Marc Roddenberg gerichtet, einem örtlichen Konkurrenten, den Fred persönlich kannte. Fred runzelte die Stirn und seine Miene verriet einen ehrfürchtigen Respekt. Die ganze Stadt wusste, welch ein außergewöhnlicher Musiker Marc war: ein Genie auf dem Gebiet des Songwritings, ein Künstler auf seiner Gitarre, und ein respektabler Sänger. Seine Band Unknown Leaves war regional sehr populär. Er hatte den Charme eines unnahbaren Stars, und die Frauen verehrten ihn.
Fred beobachtete Marcs Verhalten im Rampenlicht und es überkam ihn das Gefühl, als wäre es Marc unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen. Das ständige Wühlen in den Haaren wirkte auf manche arrogant und sexy, und das seltene Lächeln wie eine Gnade. Fred allerdings sah in beidem nur Marcs Unbehagen. Zumindest machte es den Konkurrenten menschlicher und ungefährlicher.
Trotzdem befand sich Fred ungern in der Gesellschaft von Marc. Er hatte ein schlechtes Gewissen diesem Künstler gegenüber, zu dem er insgeheim aufsah. Fred hatte Angst. Schnell wendete er den Blick ab, als Marc zu ihm herübersah. Er wollte keinesfalls dessen Aufmerksamkeit erregen. Seine Hand griff nach dem Bierglas und er nahm einen kräftigen Schluck.
Es dauerte nicht lange, da erreichte das Kamerateam den Tisch der Hap Grins. Das grelle Licht richtete sich auf Fred, der inzwischen den Kaugummi gegen einen roten Lutscher eingetauscht hatte. Der Stiel ragte aus seinem Mund, als er mit seinem Interviewpartner sprach. Er gab sich cool und fröhlich, so wie ihn seine Fans kannten und schätzten. Die üblichen Fragen nach dem Namen der Band, der Titelauswahl und der Meinung über Joff Bonie waren rasch beantwortet. Die Frage nach der Herkunft seiner Einfälle, seiner Inspiration, behagte Fred allerdings nicht. Für eine Sekunde verschwand das selbstsichere Lächeln aus seinem Gesicht, seine Augen huschten in Marcs Richtung und er hustete. Doch schnell hatte er sich wieder im Griff und erzählte etwas von den Beatles, den Sex Pistols und Velvet Underground, und was ihre Musik in ihm bewirkt hätte. Daran, dass Marc ihn beobachtet hatte, konnte er sich im Nachhinein nicht mehr erinnern.
Die Kameras wurden weggepackt, die Formulare eingesammelt und Herr Kantermeyer ergriff noch einmal das Wort. Er erinnerte an die morgendliche Probe und wünschte allen einen gemütlichen Abend. Fred bestellte noch ein Pils und plauderte entspannt mit Musikern, die er aus der Szene kannte. Unbeabsichtigt wanderte sein Blick immer wieder zum Tisch von Marc. Eine unbekannte Frau hatte sich zu seinem Konkurrenten gesellt. Sie trug ausgewaschene Jeans, die an zwei Stellen aufgerissen waren. Dazu ein leichtes fließendes Shirt in verschiedenen Gelbtönen mit zwei unterschiedlich langen Ärmeln, die sich am Ende sehr weich an die Unterarme schmiegten. Der helle Farbton bot einen guten Kontrast zu ihrem dunklen langen Haar, das ihr locker auf den Rücken fiel. Ihre grünen Augen fixierten Marc und die vollen Lippen redeten auf ihn ein. Ein Bein über das andere geschlagen, saß sie mit ihrer zierlichen Gestalt lediglich auf der Stuhlkante. Das Wippen ihres in der Luft baumelnden Fußes verriet ihre Aufregung.
Fred atmete flacher. Das Gefühl der Eifersucht war ihm vertraut, das sich in einer Enge in der Brust und einem flauen Magen äußerte. Wieder eine Frau, die Marc nicht widerstehen konnte. Dabei war dieser längst liiert. Mit Nina – Fred hatte sich schon ein paar Mal mit ihr unterhalten. Er mochte sie.
Auch seine Bandkollegen hatten die dunkelhaarige Schönheit noch nie gesehen. Bei längerer Beobachtung jedoch wurde klar, dass Marc diese Frau kannte. Eine ungekünstelte Vertrautheit beherrschte ihrer beider Körpersprache. Sie lächelten sich an, tuschelten und ihre Hände berührten sich wie selbstverständlich.
Fred gesellte sich zur Blondine, die ihm zugewinkt hatte, als er zu Beginn der Veranstaltung eintraf. Sie war die Bassistin einer Band, die ebenfalls am Wettbewerb teilnahm, und er kannte sie bereits mehrere Jahre. Er bewunderte ihr Talent mit den Basslinien zu spielen und einen unvergleichlichen Groove in die Songs zu bringen. Vor nicht allzu langer Zeit wollte Fred sie für seine eigene Band abwerben. Doch sie lehnte ab. Und die bewiesene Loyalität zu ihren Leuten machte sie ihm noch sympathischer. Fred prostete ihr zu.
Nach einer Weile sprach sie ihn auf Marc an. Marc sei ein ernstzunehmender Konkurrent, meinte sie. Fred vermutete, seine wiederholten Blicke in dessen Richtung waren ihr aufgefallen.
Allerdings müssten sich alle am meisten vor Lara in Acht nehmen, die Geheimfavoritin des Wettstreits. Sie deutete auf die Frau neben Marc, die sich inzwischen die Haare in den Nacken gesteckt hatte. Fred wandte sich interessiert der Blondine zu und sah sie fragend an.
„Du kennst sie nicht?“, erkundigte sich die Blondine ungläubig.
„Nein, sollte ich? Ich hab sie nie vorher gesehen.“
„Sie ist eine gebürtige Bambergerin. Hatte mal was mit Marc, wenn man den Gerüchten Glauben schenkt. Aber vor sechs Jahren ist sie hier verschwunden. Genaues weiß keiner, aber es heißt, sie sei durch Deutschland getingelt, um ihr musikalisches Glück zu machen.“
„Und? Hat sie was erreicht?“ Fred nahm noch einen Schluck aus seinem Glas.
„Wäre sie dann heute hier? Aber zumindest sollen die letzten Jahre ihrem Können und ihrer Professionalität nicht geschadet haben. Sie ist wohl selbst in der Promi-Liga so etwas wie ein Geheimtipp.“
Sie verdrehte leicht die Augen und wiegte den Kopf hin und her, was auf eine komische Art und Weise ihren ehrlichen Respekt ausdrückte.
Mit diesem Hintergrundwissen betrachtete Fred die fremde Lara noch einmal genauer. Und plötzlich fröstelte ihn. Er schlang den freien Arm um seinen Bauch. Irgendetwas an ihr hieß ihn Obacht nehmen.

*****

Um vier Uhr morgens stellte Fred die akustische Gitarre beiseite und stütze sich schwer auf seine Ellenbogen. Das Gesicht vergrub er in den Händen. Seine Augen brannten und die Kehle war ausgetrocknet. Er räusperte sich und nahm einen Schluck vom Bier, das er vor einer Weile aus dem Kühlschrank geholt hatte. In der Hoffnung jeden Moment die richtige Eingebung für seinen Song zu bekommen, saß er bereits seit mehreren Stunden über den Akkordfolgen, doch die zündende Idee war ihm nicht gekommen. Erschöpft erhob er sich und schlich ins Bad. Er ließ sich Wasser über das Gesicht laufen. Als er zum Handtuch griff, fiel sein Blick in den Spiegel. Er sah sich an - sah sich in die Augen. Das Wasser tropfte von seinem Kinn auf seinen nackten Oberkörper. Seine Nase berührte fast die silbrig glänzende Fläche. Schließlich löste er sich entschlossen von seinem Spiegelbild, trocknete seine Haut und ging zu Bett.

*****

Nach einem starken schwarzen Kaffee und zwei Aspirin war Fred bereit für den Tag. Er sah auf die Uhr: halb Zwölf. Er nickte. Mit der einen Hand griff er sich seine Jeansjacke, mit der anderen einen Lutscher, und schloss die Wohnungstür hinter sich.
Zielsicher lenkte er seine Schritte in die Stadt: quer durch die Fußgängerzone, an seinem Stammbistro vorbei, und zum Marktplatz. Vor dem kleinen Eiscafé Fontana saßen einige Leute an weiß gedeckten Tischen auf gelb bespannten Stühlen und streckten ihre Gesichter der warmen Mittagssonne entgegen. Fred beachtete sie nicht und trat in den Eingang des Nachbarhauses. An der Tür hing ein Schild mit der Aufschrift Tonstudio.
Es war das Studio eines Freundes. Fred hatte einen Schlüssel für alle Räume. Am liebsten arbeitete er hier, wenn niemand anwesend war. So konnte er ungestört Probeaufnahmen machen und sich freier und kreativer fühlen. Die Mittagszeit war dafür wie geschaffen.
Heute hatte sein Besuch jedoch ein anderes Ziel. Vorsichtig öffnete er das Archiv und ging am Regal mit den bespielten Bändern entlang. Sein Finger fuhr suchend über die Beschriftungen. Plötzlich blieb er vor einer Hülle stehen, die die Aufschrift Marc Roddenberg trug. Er hatte gefunden, wonach er suchte.
Er brauchte nicht lange, sich die passende Modulation und Melodieführung für seinen fehlenden Mittelteil zusammenzusuchen. Marcs Musik war so inspirierend, dass es Fred leicht fiel, mit kurzen kopierten Sequenzen, seine eigenen Kompositionen aufzuwerten. Er hatte das schon vorher ein paar Mal gemacht. Anfangs mit schlechtem Gewissen, aber inzwischen empfand er es als gerecht.
Zufrieden räumte er alles wieder auf seinen Platz und verließ das Studio. Als er aus der Tür trat, blinzelte er in die Sonne. Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht und er hüpfte die Stufen hinunter zum Marktplatz. Seine Bewegung verriet eine gewisse Leichtigkeit, im Gegensatz zu der gebückten Haltung, in der er gekommen war.
Am Bistro angekommen, nahm er sich vor, in Ruhe zu frühstücken. Mehr aus Übermut denn mit einer bestimmten Absicht wandte er sich noch einmal zur Studiotür um, als er wie angewurzelt stehen blieb. Lara. Sie saß auf einem der gelb bespannten Stühle und hatte einen Eiskaffee vor sich stehen. Eine Augenbraue hochgezogen fixierte sie ihn. Sie lächelte nicht. Sie spielte mit dem Strohhalm zwischen ihren Zähnen.
Fred zog die Schultern hoch, steckte die Hände tief in seine Jeansjacke, und machte sich auf den Weg nach Hause.

*****

Einige Stunden später saßen die Hap Grins in der Konzerthalle Bambergs, in dem der Wettbewerb des nächsten Tages stattfinden sollte. Während Fred einen braunen Lutscher aus seinem Papier befreite, sah er sich um. Auf der Bühne war der Schlagzeug-Soundcheck in vollem Gange, und die Scheinwerfer rotierten und flackerten bunt. Die teilnehmenden Musiker waren in Grüppchen im Zuschauerraum verteilt und warteten auf ihre jeweilige Bühnen- und Anspielprobe. Sie plauderten, rauchten und gingen in Gedanken noch einmal ihre geübten Performances durch. Gitarren wurden neu bespannt und gestimmt, und frische Batterien in die Effektgeräte eingelegt. Kameras wurden justiert, Kabel verlegt, und die letzten Bühnenverschönerungsarbeiten liefen auf Hochtouren.
Fred schob sich den Cola-Lutscher in den Mund und wandte sich seiner Band zu. Mithilfe der Gitarre erklärte er ihnen die Änderungen für ihren Song, und gemeinsam spielten sie den neuen Mitteilteil auf ihren unverstärkten Instrumenten an. Der Schlagzeuger trommelte auf seinen Schenkeln. Es klappte hervorragend und alle schienen zufrieden mit dem Ergebnis. Der Bassist klopfte Fred auf die Schulter und nickte anerkennend.

Inzwischen hatte die Anspielprobe begonnen. Die ersten Teilnehmer nahmen Aufstellung auf der Bühne und die Techniker waren bemüht, sie in jeder Hinsicht gut aussehen zu lassen. Fred wanderte auf und ab, beobachtete und prägte sich alles ein, was für seinen Auftritt wichtig werden könnte: die Monitorschaltungen, die Kameraplatzierungen, den Namen des Mannes am Sound-Mischpult. Er war gerade dabei, den Blickwinkel der Jury zu prüfen, als er seinen Konkurrenten entdeckte. Marc Roddenberg saß ein wenig abseits, eine Zigarette im Mundwinkel, und zupfte die Saiten seiner Gitarre. Wobei sein Oberkörper dicht über das Instrument gebeugt war und sein Ohr fast den Corpus berührte. Seine Lippen bewegten sich.
Fred biss sich auf die Zunge. Er vermutete, dass Marc selbst in diesem Tumult, in dieser Halle voller Musik und Durcheinander, seine eigenen Töne schöpfte und ein neues Stück komponierte. Wieder fühlte er brennende Eifersucht.
Da trat Lara zu Marc. Ihr schlanker Körper wiegte sich in einer weiten Schlaghose und ein leichtes Top ließ den braungebrannten Bauch frei. In ihr Haar hatte sie zwei dünne Zöpfe geflochten, deren Enden in leuchtenden Clips steckten. Sie setzte sich rittlings auf einen Stuhl, die Beine auseinander, die Arme auf die Lehne gestützt, und begann, sich mit Marc zu unterhalten. Sie machte das auf eine sehr kokette Art, spielte mit ihrem Haar und legte den Kopf schief.
Neugierig machte Fred ein paar Schritte in ihre Richtung. Es war nur wenig Licht im Zuschauerraum und so näherte er sich unauffällig. Dabei ließ er die beiden nicht aus den Augen. Plötzlich sprang Marc auf. In einer Hand die Gitarre, fuchtelte er mit der anderen wild in der Luft herum. Er schien sehr verärgert zu sein. Lara hatte ihre Sitzposition nicht verändert. Sie warf ihr Haar in den Nacken und Fred sah sie spöttisch lächeln. Marc legte die Gitarre weg. Anscheinend versuchte er sich zu beruhigen. Dann ging er in die Hocke, nahm Lara bei den Schultern und sah ihr ins Gesicht. Seine Lippen bewegten sich auf eine sehr eindringliche Weise. Fast schien er zu betteln. Doch Lara wand sich geschickt aus seinem Griff und schüttelte den Kopf. Fred bemerkte, wie sich Marcs gesamter Körper anspannte und seine Hände zu Fäusten geballt waren.
In diesem Moment stoppte die Musik von der Bühne.
„Du kannst mir doch Lorenz nicht wegnehmen.“, flehte Marc mit zusammengebissenen Zähnen. „Er ist mein Sohn!“
„Du wirst schon sehen, dass ich das kann. Am besten, Du bereitest Nina gleich nachher darauf vor.“
„Lara, Du bist eine …“
Eine kreischende Gitarre verschluckte die nächsten Worte.
Obwohl Fred den tieferen Sinn der gewechselten Worte nicht verstand, sah er die Tragweite deutlich in Marcs Ausdruck. Und er erschrak. Neben Angst und Verzweiflung strahlte Marc Aggression und Wut aus. Und für einen Moment hätte Fred schwören können, dass Marc Lara hasste.
Marc nahm seine Gitarre wieder auf und verschwand. Lara schwang ein Bein über die Lehne, schlug es über das andere, verschränkte ihre Arme und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Bühne.

Für Fred wurde es Zeit. In ein paar Minuten sollte seine Band ihren Soundcheck haben. Die Jungs erwarteten ihn schon ungeduldig und reichten ihm seine Gitarre. Fred versuchte das eben Erlebte zu vergessen und sich auf die folgende Probe zu konzentrieren. Er stellte sein Mikrofon ein, achtete auf die Monitorlautstärken und dirigierte die Musiker durch die schweren Liedpassagen. Doch immer wieder kreisten seine Gedanken um Lara, Marc und den sechsjährigen Lorenz. Er kannte den Jungen flüchtig, den Sohn von Marc und dessen Lebensgefährtin Nina. Und ihm wollte nicht klar werden, wie Lara auf den Gedanken kam, Lorenz seinen Eltern wegnehmen zu können. Er fragte sich, was in dieser Familie vorgefallen sein musste, dass eine Ex-Freundin von Marc solche Macht besaß.

Auch nach der Bühnenprobe ließen die Überlegungen ihn nicht los. Erst als er angerempelt wurde, hob er den Kopf. Lara stand vor ihm. Jugendlich anziehend und dennoch herausfordernd entschuldigte sie sich mit einem Augenaufschlag bei ihm für ihre Unachtsamkeit. Erst jetzt schien sie Fred zu erkennen und fragte, ob nicht er es gewesen sei, den sie am Vortag beim Eiscafé gesehen hatte. Als Fred bejahte, erzählte sie munter über das Studio, aus dem sie ihn hatte kommen sehen. Sie sei früher oft dort gewesen. Meist mit ihrem damaligen Freund. Sie schielte mit einer leichten Kopfbewegung zu Marc hinüber.
„Vor sieben Jahren war er fast täglich in diesem Studio, um seine Songs aufzunehmen.“
Bei einigen Liedern sei sie beteiligt gewesen und stolz darauf. Denn sie wisse, wie viele Musiker neidisch auf das Talent von Marc seien und vieles darum gäben, die musikalischen Krümel aufzusammeln, die Marc unachtsam fallen ließ. Und die Freundschaft zu dem Besitzer des Studios sei bis heute nicht abgerissen.
Während ein provokanter Blick den seinen festhielt, strich sie mit ihrer rechten Hand über Freds Ohrläppchen, am Kieferknochen entlang und an der Knopfleiste seiner Jacke hinunter, bevor sie ihm ein loses Haar von der Schulter pickte und auf den Boden fallen ließ.
Etwas an ihrer Art verwirrte Fred. Laras Mund schien Smalltalk zu produzieren, aber ihre Augen verrieten, dass sie ihre Worte genau wählte und ein Ziel verfolgte. Er spürte Furcht in sich aufsteigen. In diesem Moment war er froh über die Dunkelheit im Saal, die die Schweißtropfen auf seiner Stirn verhüllte.
Rasch beendete er das Gespräch und wandte sich ab. Plötzlich war er sich sicher, dass sie alles über seine Gaunereien wusste, auch wenn es ihm rätselhaft war, wie das möglich sein konnte. Im Geiste ging er das Gespräch immer wieder durch. Und er spürte: Zwischen den Zeilen hatte sie ihm gedroht. In kürzester Zeit hatte Lara auch Macht über ihn gewonnen.
Als Lara schließlich ihre Anspielprobe absolvierte, konnte Fred sein Unbehagen schwer unterdrücken. Dieser Frau konnte niemand das Wasser reichen. Wenn nicht etwas Unerwartetes geschah, war Lara die Siegerin des Wettbewerbes. Fred wurde übel.

*****

Er ging, bevor die Gesamtprobe zu Ende war. Für weitere Fragen sollten seine Bandkollegen einspringen. Er wollte nur noch weg.
Draußen spuckte er ärgerlich den schalen Kaugummi auf den Gehweg und lenkte seine Schritte Richtung heimwärts. Auf dem Weg machte er Halt in einem Supermarkt. Er brauchte dringend neue Lutscher, eine Pizza und ein paar Bier für die Nacht. Eine Weile stand er vor dem Regal mit den verschiedenen Sorten Dosenbier und blickte ins Leere. Seine Gedanken wanderten zurück zu Lara. Sie hatte ihn in der Hand. Wenn sie wirklich Bescheid wusste, konnte sie ihm seine Zukunft ruinieren. Musikalischer Diebstahl war kein Kavaliersdelikt. Ganz zu schweigen von der immensen Summe, die er zu begleichen hätte. Erneut verkrampfte sich sein Magen. Zum ersten Mal hatte er Angst erwischt zu werden. Er spürte einen tiefen Groll in sich aufsteigen. Fast konnte Fred nachvollziehen, was in seinem Konkurrenten vorgehen musste, ging es doch für Marc um sein Kind, sein eigen Fleisch und Blut. Fred fragte sich, ob diese Tatsache den abgrundtiefen Hass in Marcs Augen rechtfertigte.
Fred schüttelte sich und griff endlich nach einem Sixpack Becks-Bier.
An der Kühltruhe vor den Pizzen war er ähnlich planlos. Seine Füße waren kalt und er rieb sie gedankenverloren an seinen Waden. Er starrte auf die bunten Schachteln in der Auslage, als er eine Frauenstimme hörte.
„Hi Fred!“ Ihm gegenüber, auf der anderen Seite der Gefrierkost, sah ihn Nina unsicher an. Ihre Hände nestelten an einem Zettel herum, auf den sie vermutlich ihre Einkäufe notiert hatte.
„Wie lief die Probe?“
„Ähm … Nina … hallo! Ganz gut, denke ich“, stammelte Fred überrascht.
„Schätze meine Schwester macht euch das Leben schwer, hm?“
„Deine Schwester?“ Fred runzelte die Stirn.
„Ja, Lara. Sie soll richtig gut geworden sein. Harte Gegnerin, was?“ Ninas Mine war ernst, und ihr Unterton verriet eine wissende Bitterkeit.
Während Fred seinen letzten Lutscher auspackte, erwiderte er lässig: „Da kannst du Gift drauf nehmen. Sie ist große Klasse. Und sie sieht toll aus, was auf der Bühne durchaus von Vorteil ist.“
Es sollte wie anerkennende Bewunderung klingen. Doch scheinbar hatte Fred die falschen Worte gewählt. Ninas Blick war wie eine scharfe Waffe auf ihn gerichtet.
„Aber du weißt ja: Mein härtester Rivale ist und bleibt Marc“. Freds gewollt lockerer Ton entspannte die Situation. Nina lächelte ihm zu. Und das Gespräch kippte wieder in eine leichte Plauderei.
„Ihr zwei seid halsstarrige Rivalen. Unglaublich. Acht Jahre bin ich nun mit Marc befreundet. Soweit ich weiß, hat er zwei Jahre zuvor seine Band gegründet. So wie du auch. Das bedeutet, ihr bekriegt euch schon zehn Jahre. Ist das zu fassen?“
Fred rechnete kurz nach und lachte ungläubig.
„Du hast Recht. Wir sollten demnächst mal darauf anstoßen.“
„Und ich dachte, ihr könnt euch nicht ausstehen.“
„Wie heißt es so schön: Konkurrenz belebt das Geschäft. Was wäre die Bamberger Musikszene ohne uns?“ Fred hob scherzend eine Augenbraue. „Wir brauchen uns.“
„Allerdings.“ Nina nickte und strich sich schmunzelnd durch ihre blonden Locken.
Sie scherzten noch eine Weile, bis Nina zwei Pizzen aus der Truhe nahm.
„Lorenz und Marc, meine zwei Männer, warten sicher schon sehnsüchtig auf ihr Abendessen.“ Bei diesen Worten stahl sich ein Glitzern in ihre Augen. Von der vorangegangenen Anspannung war keine Spur mehr zu erkennen. Sie schien glücklich.

Freds aufgesetzte gute Laune verschwand mit Nina. Irgendetwas stimmte nicht. Wieder rechnete er nach. Auch die Worte der Blondine vom Schlenkerla fielen ihm wieder ein. Demnach hatte Marc ein Verhältnis mit Lara, als er schon mit Nina zusammen war. Was aber hatte Lara in der Hand, um Lorenz aus seiner Familie zu reißen?
Fred konnte den Gedanken nicht zu Ende verfolgen. Er hatte keine Lösung.
Eine Gänsehaut überzog seinen Arm, als er die Pizza aus der Truhe holte. Mit allem, was er bisher von Lara gesehen und gehört hatte, meinte er, in der kokettlasziven mädchenhaften Art ihre eiskalte Berechnung zu erkennen. Er vermutete, sie würde keine Rücksicht nehmen, oder gar Mitgefühl zeigen, wenn es nicht in ihrem Interesse läge. Um ihre Ziele zu erreichen, würde sie über Leichen gehen.
Die Rückschlüsse, die er für sich daraus ziehen konnte, waren nicht gerade rosig, angesichts Laras Kenntnisse über seine regelmäßigen Studiobesuche. Die Kälte wich auch in der Kassenschlange nicht von ihm.

*****

Die Pizza lag ihm schwer im Magen. Und das Bier hatte das Völlegefühl verstärkt. Sein Daumen hämmerte im Sekundentakt auf die Fernbedienung, doch sein Blick schien durch den Fernseher hindurch zu sehen. Die innere Unruhe trieb ihn auf die Beine. Immer wieder durchschritt er das kleine Wohnzimmer. Die letzte Bierdose landete zerdrückt in der Ecke neben dem Mülleimer.
Schließlich öffnete er die versteckte Schublade des Geschirrschranks und kramte nach seinem vorrätigen Joint für Notsituationen. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, als er das gute Stück unter der Nase entlang führte und den vertrauten Duft in sich aufsog.
Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich auf die Couch nieder und zündete die Marihuana-Zigarette an. Er legte sich zurück und sog den Rauch tief in seine Lungen. Bilder eines jagenden Löwen flirrten stumm über den Fernsehschirm. Nach ein paar Zügen setzte er sich auf, drückte den Stummel im Aschenbecher aus und blickte starr geradeaus. Sein Knie wippte.
Schließlich ging er hinüber ins Bad und drehte die Dusche an. Während er sich im Spiegel betrachtete, stieg langsam Dampf aus der Wanne und vernebelte bald das ganze Badezimmer. Auch als er sein Spiegelbild schon lange nicht mehr erkennen konnte, stand er unbeweglich am Waschbecken. Das Wasser rauschte neben ihm, doch er beachtete es nicht.
Schließlich wanderten seine Augen zum Badschrank, seine Hand folgte, und er öffnete die verspiegelte Tür. Er ließ sich Zeit zwischen den verschiedenen Farben auszuwählen, entschied sich endlich für einen grünen Lutscher, und schob ihn sich langsam zwischen die Zähne. So löste er sich aus seiner Erstarrung. Er stellte das Wasser ab, schritt zielstrebig durch die Wohnung, griff nach seiner Jacke und verließ die Wohnung. Der Löwe auf dem Bildschirm hatte inzwischen seine Beute gerissen.

*****

Fred lief los. Zunächst Richtung Altstadt strebte er das Berggebiet Bambergs an, in dem Marc und Nina lebten. Leise brabbelte er vor sich hin. Er probierte erklärende Worte, mit denen er Marc alles beichten wollte. Er erwog Notlügen und Ausreden und schüttelte immer wieder den Kopf. Schließlich entschied er, Marc mit einem einzigen Satz ins Bild zu setzen und alles Weitere sich ergeben zu lassen. So könnte er zumindest Lara den Wind aus den Segeln nehmen.
Mit einem tiefen Atemzug legte er den Kopf in den Nacken und nahm die Nacht in sich auf. Es war bereits kurz vor elf Uhr.
Als er die kleine Holzbrücke am alten Rathaus erreichte, erspähte er in den Lichtern des gegenüberliegenden Flusshotels eine Frauengestalt. Lara. Ihr wiegender Gang und die fast hüftlangen Haare waren unverwechselbar. Sogar auf die Entfernung wirkte sie anziehend. Fred spürte ein Kribbeln in seiner Leistengegend.
„Lara!“, rief Fred laut und eilte über die Brücke. Blitzartig hatte er beschlossen, dass es doch sinnvoll wäre, zunächst mit ihr zu sprechen, bevor er sich Marc offenbarte und auslieferte.
Lara brauchte scheinbar etwas länger, bis sie sah, wer sie gerufen hatte. Doch dann setzte sie ein hinreißendes Lächeln auf und winkte in Freds Richtung.
„Hi du“, flüsterte Lara, als er sie erreicht hatte, und lehnte sich an ihn. Offensichtlich hatte sie einen Schwips. Instinktiv legte Fred seinen Arm um ihre Taille. Jetzt, da er sie so vor sich sah, war es ihm ein Rätsel, dass dieses zarte Wesen ihm vorher noch so viel Angst eingejagt hatte.
Sie drehte sich zu ihm. Seine Hände legten sich auf ihre Hüften. Ihr Kopf hob sich und er blickte in rehbraune Augen, die in der Dunkelheit das Licht der Straßenlaterne reflektierten. Ihre vollen Lippen formten fragend seinen Namen und näherten sich seinem Gesicht. Er spürte nur einen Hauch und dann ihre Zungenspitze, die sich sacht zwischen seine Lippen schob. Und noch bevor er die Berührung erwidern konnte, hatte sie den Lolly geschickt aus seinem Mund gefischt und zerbissen. Ein tiefes Glucksen kam aus ihrer Kehle, und amüsiert spuckte sie den Pappstiel aufs Kopfsteinpflaster.
Fred spürte, wie sich das Blut aus Kopf und Beinen zurückzog und in seiner Körpermitte sammelte.
„Du musst mir helfen“, wisperte sie.
„Alles.“ Fred hielt die Luft an, als Lara seine Unterlippe zart mit ihren Zähnen berührte.
„Es ist Marc. Wir müssen ihn loswerden.“ Sie drängte Fred ums Häusereck in die Dunkelheit.
„Was?“ Er hatte die Augen geschlossen und rang nach Atem.
„Ich habe Angst, Fred.“ Ihre Stimme war die eines zitternden Mädchens, ihr Körper der einer fordernden Frau.
„Schon gut. Ich helfe dir. Nur jetzt … komm her!“ Und Fred verlor sich in dem Duft ihrer Haare und dem Feuer seiner Leidenschaft.

Als sich die Wogen glätteten und Fred seinen normalen Atemrhythmus wieder fand, kehrte er auch gedanklich in die Realität zurück. Doch er wollte dieses angenehme Gefühl des Friedens noch nicht loslassen, und so behielt er die Augen geschlossen und gab ein leises Schnurren von sich. Lara jedoch wand sich aus seinem Griff und ordnete ihre Kleider.
„Lass uns morgen über alles sprechen, ja?“ Sie schien in Eile und nüchtern.
„Kann ich auf dich zählen?“, raunte sie, als Fred nicht reagierte, und rüttelte leicht an seinem Arm. Während sie die Stöckelschuhe vom Boden auflas und über ihre Füße streifte, blickte sie sich suchend um.
„Hm.“ Fred hatte offensichtlich gar nicht zugehört und lehnte lächelnd an der Hauswand.
Sie stammelte etwas darüber, dass sie ihn später noch anrufen wollte, und verschwand ins Hotel, bevor Fred etwas erwidern konnte.
So schnell hatte sich alles gewendet. Er hatte die Seiten gewechselt. Und Lara brauchte ihn. Er hatte nichts mehr zu befürchten. Zufrieden fischte er aus der Innentasche seiner Jacke einen weiteren Lutscher und wickelte ihn aus dem Papier. Immer noch mit geschlossenen Augen schmeckte er Kirschgeschmack auf seiner Zunge. Ein leichter Regen hatte eingesetzt.
Marc loswerden, hatte sie gesagt. Sicher wollte sie mit ihm - Fred Lieblich - beim Wettbewerb gemeinsame Sache machen. Marc zusammen mit seinem Erzkonkurrenten zu besiegen, wäre sicher ein doppelter Triumph für Lara. Ein leises Kichern erfüllte ihn und er öffnete die Augen.
Da bemerkte er eine Bewegung in seinem Augenwinkel und wand sich der Gestalt zu, die über die Brücke gehuscht war und sich an der gegenüberliegenden Hauswand in den grauen Schatten stellte. Die Aufmerksamkeit der Person war erkennbar auf den Hoteleingang gerichtet. Dieses Verhalten erschien Fred so sonderbar, dass er sich weiterhin ruhig verhielt und beobachtete. Die Gestalt verharrte eine Weile und verließ dann die Deckung. Als sie in den Lichtkegel der Straßenbeleuchtung trat, konnte Fred sie sehen: Es war Marc. Er durchquerte mit eiligen Schritten den erleuchteten Vorplatz des Hotels. Fred drückte sich noch weiter in die Dunkelheit, als Marc sich seiner Position näherte. Doch Fred blieb unbemerkt. Erleichtert atmete er auf. Als Marc aus seinem Blickfeld verschwunden war, spähte er vorsichtig um die Ecke, geflissentlich darauf bedacht, nicht vom Lichtschein erfasst zu werden. Und so konnte er im letzten Moment Marc ins Hotel gleiten sehen.
Fred war jetzt hell wach. Er ließ den Lutscher aufgeregt gegen seine Zähne klappern. Sein Herz klopfte fast so heftig wie kurz zuvor beim Liebesspiel mit Lara. Ihre Worte kamen ihm wieder in den Sinn. Sie habe Angst, hatte sie gesagt. Sie müsse Marc loswerden. Und wieder hatte er das Gefühl, nach einer Lösung zu suchen, die er nicht finden konnte. Seine Gedanken arbeiteten fieberhaft. Schließlich beschloss er, der Sache auf den Grund zu gehen und folgte den beiden ins Hotel.

An der Rezeption betätigte er die Klingel. Der Nachtportier erschien aus seinem Büro und begrüßte ihn freundlich. Ohne Probleme bekam er die gewünschte Zimmernummer mitgeteilt und drückte im Fahrstuhl den Knopf in die zweite Etage. Lara wohnte in der Dritten, aber für das letzte Stockwerk wollte er die Treppe nehmen, um möglichst unentdeckt zu bleiben.
Als er leise schleichend den Gang betrat, auf dem Laras Zimmer lag, konnte er gedämpft ihre Stimme vernehmen. Er lauschte, doch von Marc war nichts zu hören. Unsicher sah er sich um. Noch ein paar Schritte, und schließlich entdeckte er die Tür mit der richtigen Nummer. Sie stand eine Handbreit offen. Verwundert und mit gespitzten Ohren stahl er sich so weit heran, dass er einen Blick in den Raum erhaschen konnte.
„Du kannst es nicht verhindern“, hörte er Lara. „Lorenz ist mein Sohn. Er gehört zu mir. Und ich werde nicht Ruhe geben, bis ich ihn wieder bei mir habe.“
Fred erstarrte. Lorenz war also Laras Sohn. Doch in seinen Überlegungen wurde er jäh durch Laras entsetzten Schrei unterbrochen.
„Nein! Nein! Wir können …“ Der Satz wurde durch ein Geräusch abgerissen, das Fred das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es war ein schmatzendes Knirschen - nicht sehr laut, doch laut genug, um sich für immer in sein Gedächtnis zu brennen. Er hörte Laras Todesangst in ihrem Stöhnen und begann zu begreifen. Fassungslos stand er wie festgenagelt und fixierte den sichtbaren kleinen Ausschnitt des Zimmers. Und da sah er sie fallen. Ihr Kopf erschien hinter dem Türspalt, als dieser auf dem Boden aufschlug. Die Haare kamen wirr auf ihrem Gesicht zu liegen, das schmerzverzerrt in seine Richtung gedreht war. Laras Augen waren auf Fred gerichtet. Sie hustete und würgte, bis ein kleines Rinnsal Blut ihr aus dem Mund über die Wange lief. Freds Lolly fiel auf den weichen Teppichboden des Hotelflurs.
Endlich kam er in Bewegung und stolperte den Gang hinunter. Gerade noch rechtzeitig erreichte er die Toilette in der Lobby und übergab sich in eine der frisch geputzten Schüsseln.

Schweiß bedeckte Freds Stirn und durchnässte seine schwarzen Schläfen, als er ängstlich durch die Tür in die Lobby lugte. Obwohl kein Mensch zu sehen war, war er nicht in der Lage, auch nur einen Fuß vor den anderen zu setzen. Erneut fühlte er Übelkeit in sich aufsteigen. Doch er konzentrierte sich, spürte die kalten Kacheln in seinem Rücken, atmete tief durch, und der Brechreiz verschwand. Wieder linste er nach draußen.
Als er schließlich den Mut fasste, um sein Versteck zu verlassen, tauchte plötzlich Nina in der Lobby auf. Sie trug ein Regencape und hastete Richtung Hotelausgang. Ihre blonden Locken wippten wild im Tempo ihrer Schritte. Immer wieder sah sie sich um. Fred schreckte zurück. Krampfhaft versuchte er zu überlegen, wann Nina den Schauplatz betreten hatte. Vielleicht war sie Marc gefolgt und angekommen, als Fred sich schon in der Toilette aufhielt. Marc selbst war sicher noch oben und versuchte, sein Werk zu vertuschen. Nina musste ein psychisches Wrack sein, vermutete Fred. Er konnte nicht einmal erahnen, wie es sich anfühlte, die eigene Schwester vom Freund ermordet zu sehen. Sein Magen zog sich fühlbar zusammen.
Der erste Impuls war, ihr zu folgen, doch er zögerte. Wahrscheinlich hatte Marc den gleichen Gedanken. Fred befürchtete, ihm bei seiner Flucht aus dem Hotel zu begegnen. Noch einmal lehnte er sich gegen die kühle Wand. Sein Atem ging flach und unregelmäßig. Nach einigen Sekunden riss er sich los und blickte sich um. Niemand war zu sehen. Die Rezeption war nicht besetzt. Auch von Marc keine Spur. So schlüpfte er aus der Tür: hektisch und bemüht, Nina einzuholen.
Er rannte die Straße entlang. Weit vor sich meinte er, das Regencape von Nina erkennen zu können. Bevor er noch an Tempo zulegte, blickte er ängstlich über seine Schulter. Und tatsächlich: Marc kam aus dem Hotel gestürzt, wild mit den Armen fuchtelnd. Er schrie Freds Namen, und dass er stehen bleiben solle. Panisch stolperte Fred weiter.
Offensichtlich hörte auch Nina Marcs Rufen, denn sie stoppte und drehte sich um. Fred hastete auf sie zu.
„Nina! Schnell! Komm!“ Er packte sie hart am Ellenbogen und zog sie weiter. Eilends führte er sie durch enge Gassen, bis ein dunkler Hinterhof ihnen Unterschlupf bot. Noch immer vernahm er Marcs Stimme, die ihn rief. Er drückte Nina neben sich fest gegen die Wand und bedeutete ihr eindringlich mit dem Zeigefinger, dass sie keinen Laut von sich geben sollte. Immer wieder wand er seinen Kopf in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
„Ganz ruhig! Er wird uns nicht finden.“, flüsterte er und sah nun direkt in Ninas Augen. Es traf ihn wie ein Schock.
„Richtig. Du hast uns gut versteckt“, erwiderte sie mit gedämpfter aber fester Stimme. Sie öffnete ihr Cape. In ihrer linken Hand hielt sie seinen Lutscher.
„Der gehört dir, wenn ich mich nicht irre“, säuselte sie seltsam gefährlich. „Du warst im Hotel. Was hast du gesehen?“
Fred war zu keiner Regung fähig. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Nina warf das Beweisstück achtlos beiseite. Und ihre andere Hand kam zum Vorschein. Fred wich entsetzt zurück. Ein blutiges Küchenmesser richtete sich auf ihn. Hilfe suchend wanderte sein Blick zu der erleuchteten Gasse.
„Du also! Warum, Nina?“, stotterte er.
Ein verächtlicher Laut drang aus ihrer Kehle. „Du fragst warum?“
Fred nickte hastig. Reden, dachte er. Sie in ein Gespräch verwickeln. Bis Marc sie finden würde.
„Sie wollte mir mein Kind wegnehmen. Reicht das nicht?“
„Lorenz?“ Er wurde etwas ruhiger. Solange sie redete, hatte er eine Chance.
„Ich weiß, was Du denkst“, unterbrach sie ihn ärgerlich und hob das Messer höher.
„Lorenz war mal Laras Sohn. Stimmt. Doch sie hat ihre Rechte verspielt, als sie ihn im Stich gelassen hat. Er war nicht größer als ein Wurm. Da hat sie ihn weggeschmissen. Ausgespuckt. Ihn seinem Schicksal überlassen.“
Fred glaubte, Traurigkeit in Ninas Stimme zu hören.
„Und Marc?“
„Marc wusste von nichts. Bis ich es ihm irgendwann gesteckt hab, dass Lorenz sein Sohn ist. Ja, ich hab’s gewusst. Bin nicht dumm. Lara hat sich ja noch gebrüstet damit, mir meinen Freund ausgespannt zu haben. Und schau dir die beiden an: Lorenz ist Marc in Kleinformat. Er hat sogar das gleiche Muttermal am Hals. Irgendwann wär er auch von allein drauf gekommen.“
Fred bewegte sich unmerklich weg von ihr.
„Aber ihr hättet doch ein eigenes Kind …“
„Nein!“, zischte Nina scharf. „Im Gegensatz zu meiner fruchtbaren Schwester kann ich keine Kinder bekommen.“ Fred spürte, wie sich Nina in ihren grenzenlosen Hass hineinsteigerte. Er überlegte fieberhaft.
Nina hingegen schien in ihre eigene Welt zu versinken. Sie schloss die Augen.
„Jetzt wird alles gut. Lorenz ist mein Kind. Und das Kind von Marc. Nun werden wir eine richtige Familie sein.“ Ein seltsam verklärter Ausdruck huschte über Ninas Gesicht.
Als Fred sich ein weiteres Stück fortbewegte, richtete sich Ninas Aufmerksamkeit sofort wieder auf ihn. Ihre Stimme wurde gefährlich schmeichelnd: „Leider, lieber Fred, hast du dich zum ungünstigsten Zeitpunkt mit der falschen Frau eingelassen.“
Freds Augen weiteten sich.
„Ja, ich habe euch vorhin gesehen. Ich war ganz in der Nähe. Aber das ist nicht mehr wichtig. Ich werde nicht zulassen, dass du meinem Ziel im Wege stehst. Es tut mir Leid.“
Fred wurde nun endgültig bewusst, in welcher Gefahr er schwebte. Sein Herz schlug wie rasend. Ein neuerlicher Adrenalinstoß trieb ihm Schweiß aus allen Poren.
Als Nina sich ihm langsam näherte, machte er sich bereit, ihr Handgelenk zu fassen und sie abzuwehren. Doch sie war schneller. Blitzartig und völlig unerwartet stach sie zu.
„Nina nicht …“. In diesem Moment stand Marc hinter ihr, doch er konnte nicht mehr verhindern, dass Nina abermals zustieß.
Fred sackte zu Boden. Er sah Marc auf sich zukommen und eine Hand auf seine Wunde pressen. Aber das spürte er nicht mehr. Verwundert sah er, wie Marc die Tränen herunter liefen.
Nina stand unbeweglich und abwesend. Der Regen prasselte auf sie nieder.
Die Welt schien sich vor Fred zurückzuziehen.
In Gedanken packte er seine Gitarre liebevoll in den mit Samt ausgelegten Koffer und bat Marc stumm um Vergebung …

ENDE

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